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Evangelische  Gemeindegruppe Deutscher Sprache Moskau  Pfarrer  Fridtjof Amling,  Pr. Vernadskogo 103/3/26,  119526 Moskau,  Tel./Fax  007/495/4332295,   amlingmoskau@tochka.ru  

 

 

                                                                                                                        Moskau, den 19.12.2005

 

 

 

 

Stellungnahme zur Schließung des Kinderheim in Rogatschewo (Projekt Phoenix)

 

 

Die Nachricht von der rechtlich zweifelhaften Schließung des Kinderheims in Rogatschewo (Projekt Phoenix), wie sie uns von den Trägern und aus den Medien erreicht hat, hat in unserer Evangelischen Gemeindegruppe Deutscher Sprache Moskau, die an der Deutschen Botschaft beheimatet ist, Bestürzung ausgelöst.

 

Seit gut zwei Jahren unterstützt unsere Gemeindegruppe dieses Kinderheim. Mehrmals waren Gemeindeglieder vor Ort, um Sachspenden zu übergeben oder um bei Handwerksarbeiten zur Hand zu gehen; so kennen wir die Verhältnisse vor Ort. Der Kontakt mit den Kindern, deren Schicksale uns zum Teil bekannt sind, hat uns in unserer Unterstützung bestärkt. Denn wir haben gesehen und gespürt, daß sich hier ein großes Wunder – in einem durchaus biblischen Sinne und Maßstab – vollzieht: Kinder, bisher verstoßen, vernachlässigt und ungeliebt, haben hier in dem kleinen Häuschen am Straßenrand ein neues Zuhause und gleichsam eine neue Familie gefunden. Kindern von außen begegneten sie mit großer Offenheit und geradezu vorbildlichem Sozialverhalten! Dies konnte nur Wirklichkeit werden, weil sie Vertrauen gefasst haben und wissen, daß sie sich auf ihre Umgebung verlassen können.

 

Dieses Vertrauen gründet vor allem auf der aufopferungsvollen Arbeit des Trägervereins, dem tatsächlich jedes Kind am Herzen liegt. Wenn weitere Straßenkinder um Aufnahme baten, weil sie irgendwo von diesem Haus gehört hatten, wurde nie nein gesagt. Zudem schaffte es der Verein, den Kindern Dokumente zu beschaffen, sie medizinisch untersuchen und gegebenenfalls behandeln zu lassen (was nach Jahren der Verwahrlosung auf den Straßen Moskaus auch dringend geboten war) und auf den Weg einer geregelten Schullaufbahn zu bringen (die positiven Reaktionen auf die Kinder von Seiten ihrer Schule sind bekannt).

 

Das der Erfolg des privaten Projekts Phoenix in einem ehemals kommunistischen Land Neider von staatlicher Seite auf den Plan ruft, scheint verständlich. Daß diese erst dieses Jahr von gerichtlicher Seite in ihre Schranken verwiesen wurden, ist bekannt.

 

Unbegreiflich ist jedoch, daß zuständige Behörden in einem Land, das nicht in der Lage ist, hinreichend hunderttausenden Straßenkindern eine Perspektive zu geben, ohne Konsequenzen anderen, die sich damit nicht abfinden, Knüppel zwischen die Beine werfen dürfen, statt ihnen mit Rat und Tat und auch finanzieller Unterstützung zu helfen!

 

Hätten die Organisatoren von Phoenix die Kinder auf den Bahnhöfen, Straßen und sogar Toiletten Russland weiter dahinvegetieren lassen sollen?

Daß sie es nicht getan haben, sollte ein Zeichen für alle Menschen guten Willens in diesem Lande sein, sich nicht mit himmelschreienden Missständen abzufinden.

 

Selbst wenn die Behörden formal Missstände ausmachen können, daß das Haus zu klein und die hygienischen Verhältnisse unzureichend sind, so hätten sie dies in ein Verhältnis zum Wohl der Kinder setzen müssen – und daß dieses Wohl der Kinder in Rogatschewo gegeben ist, ist sogar gerichtlich bestätigt!

 

Davon, daß die verantwortlichen Behörden kein einziges der Kinder befragt haben, wie sie sich denn in ihrem Haus und ihrer ‚Großfamilie’ bisher fühlen, kann man wohl bei der Kaltschnäuzigkeit der Vorgehensweise ausgehen.

Davon, daß die Behörden sich anscheinend nicht einmal die Frage stellen, warum Kinder aus den staatlichen Heimen abhauen und sich andererseits in ihrem Haus in Rogatschewo wohlfühlen, kann man wohl ebenso ausgehen.

Davon, daß die Behörden wissen, daß der Neubau eines Hauses, das den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Erzieher besser gerecht wird, auf dem Grundstück in der ersten Jahreshälfte 2006 fertiggestellt wird, kann man auch ausgehen.

 

Das diese Behörden sich des Rechtsbruchs bis hin zur Kindesentführung schuldig gemacht haben, löst nur noch blankes Entsetzen aus!

 

Wenn dies so ist, kann man nur konstatieren, daß sich die für die Schließung Verantwortlichen für das Wohl der Kinder nicht interessieren!

 

Um das gerade wieder gewachsene Grundvertrauen der Kinder nicht wieder zu zerstören, ist es unerläßlich, die Kinder sofort wieder in ihr Haus zurückzubringen!

Gleichzeitig liegt es nahe – ebenso zum leiblichen und seelischen Schutze der Kinder – Vorkehrungen zu fordern und zu treffen, daß entsprechende Willkürmaßnahmen der Behörden zukünftig unterbleiben!

 

Bei ihrem Bemühen, sich für das Wohl der Kinder einzusetzen und bei ihrem Bemühen, ihr Recht – wenn nicht anders möglich – vor Gericht zu erstreiten, wird unsere Gemeindegruppe weiterhin den Organisatoren und Verantwortlichen des Kinderheimprojekst tatkräftig zur Seite stehen.

 

 

Pfarrer Fridtjof Amling

 

 

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