Das Heim des deutsch-russischen Straßenkinder-Vereins „Phönix“ war in
einem Dorf-Holzhaus untergebracht. Bis Mittwoch lebten dort 16 ehemals
obdachlose Kinder und zwei Hausmütter. Die meisten der Kinder waren zum
Teil schon vor Jahren aus anderen staatlichen Heimen entlaufen, hatten
aber bei „Phoenix“ endlich eine Bleibe gefunden.
Massenentführung durch die Miliz
Am frühen Mittwochmorgen fuhr völlig unerwartet eine ganze Armada von
Milizionären vor dem Kinderheim auf. Alle Kinder wurden in Kleinbusse
verfrachtet und trotz heftigen Widerstandes in alle Himmelsrichtungen
abgefahren.
Dokumente, die die Aktion zumindest formal gerechtfertigt hätten, wurden
nicht vorgelegt. Selbst die leiblichen Kinder einer der Hausmütter, der
niemand das Sorgerecht für ihre Kinder abgesprochen hat, wurden mit
unbekanntem Ziel weggeschafft.
„Wir sind alle zutiefst schockiert“, sagt der Kinderheim-Direktor Maxim
Jegorow. Er war von Nachbarn alarmiert worden, denn den Bewohnern des
Kinderheims selbst waren als erstes alle Telefone abgenommen worden.
Der Fall „Phoenix“ illustriert die Diskussion um das NGO-Gesetz in
Russland
Wenig später griffen zahlreiche russische Medien den Skandal auf, der
wie eine Illustration zur aktuellen Diskussion um NGOs und die Arbeit
ausländischer Stiftungen wirkt. Tatsächlich hatte „Phoenix“ dank des
Enthusiasmus’ seiner Gründer und mit Hilfe ausländischer Spender
geleistet, was staatliche Stellen nicht geschafft hatten.
Heimkinder waren in der Schule besser, als Kinder aus normalen
Familien
Die älteren Heimkinder besuchten mit großem Eifer die Dorfschule – viele
von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben. „Ich hatte in 20 Jahren noch
nie solche Schüler“, lobt die Klassenlehrerin Valentina Lossjewa „ihre“
Phönix-Kinder. Sie lernten besser als manche Kinder aus normalen
Familien, sagt die Lehrerin.
In einem Fernsehinterview erklärte die Leiterin des zuständigen
Jugendamtes Jelena Morosowa nach der Räumungsaktion, das Heim habe
geschlossen werden müssen, weil dort zu wenig Platz für so viele Kinder
sei. Auch habe Heimleiter Jegorow überhaupt keine Befugnis, Kinder zu
erziehen.
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Heimleiter Maxim Jegorow und Heimkind Nikita (Foto: Archiv/.rufo) |
Russische Kirche und Gericht geben „Phoenix“ Recht
Anfang dieses Jahres hatte allerdings ein Gericht Jegorow in einem
Rechtsstreit mit dem Jugendamt schon einmal in aller Form bestätigt,
dass das Jugendheim „Phoenix“ zu Recht und zum offensichtlichen Nutzen
der Kinder selbst existiert.
Das Gericht hatte als Zeugen unter anderem auch die Dorfschullehrerin
und einen russisch-orthdoxen Geistlichen vernommen, der erklärte, den
Kindern gehe es bei „Phoenix“ nicht nur körperlich, sondern auch geistig
gut.
Das Jugendamt verzichtete zwar darauf, das Urteil anzufechten, dafür
wurde das Phoenix-Haus aber mit Kontrollen und anonymen Anzeigen
überhäuft.

Neben dem alten Haus entsteht der Neubau (Foto: Archiv/.rufo) |
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Das neue Kinderheim ist bald fertig – nur die Kinder sind weg
Trotzdem begann „Phoenix“ einen Erweiterungs- und Neubau, der aus
deutschen Spenden finanziert wurde. Die erste Etage ist inzwischen
fertig. Nur die Kinder sind weg.
Heimleiter Jegorow konnte trotz starker Unterstützung der Medien,
darunter angesehene Zeitungen, der Fernsehsender NTW und das erste
TV-Programm ORT, bisher noch nicht den Aufenthaltsort aller Kindern in
Erfahrung bringen. Jegorow will mit Hilfe guter Rechtsanwälte die
Behörden des Landkreises Dmitrow dazu bringen, die Kinder zurück zu
holen und „Phoenix“ in Ruhe arbeiten zu lassen.
Russische Medien und Öffentlichkeit unterstützen Kinderheim-NGO
Vorerst fand der Straßenkinderverein erst zwei Jungen in einem Moskauer
Kinderheim wieder. Dessen Leiterin musste glücklicherweise nicht lange
davon überzeugt werden, dass die Räumung völlig illegal war. Sie
erlaubte den Kindern, zu „Phoenix“ zurückzukehren.
Tatsächlich ist die Begründung für die Räumungsaktion, die das Jugendamt
der Kreisstadt Dmitrow nach Moskau gefaxt hatte, mehr als fadenscheinig.
Es habe "akute Gefahr für Leib und Leben" der Kinder bestanden, heißt es
in dem Schreiben, das zwar unter dem Briefkopf der Landkreisverwaltung
steht, aber nicht unterschrieben ist.
Weder Morosowa noch der Chef der Kreisverwaltung waren für einen
Kommentar gegenüber
Russland- Aktuell
zu erreichen.
(dd/.rufo)
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