Von Karsten Packeiser,
Pereslawl-Salesski/Moskau. An der Kantinenwand hat
jemand mit großen Buchstaben eine optimistische
Losung aufgemalt: „Iss Deinen Brei, dann wächst Du
bis in den Himmel.“ Tatsächlich stehen die Chancen
für Russland Heer von Waisenkindern, jemals den
Himmel zu erreichen, alles andere als
gut.
„Wenn sie die neunte Klasse
absolviert haben, braucht niemand sie“, sagt
Alexander Iwachnenko,Direktor eines Internats für
lernberhinderte Kinder in Pereslawl-Salesski 150
Kilometer nordöstlich von Moskau.
Etwa
700.000 Kinder in Russland leben in Waisenheimen
und Internaten. Die allermeisten von ihnen haben
noch leibliche Eltern, die sich aber um ihren
Nachwuchs nicht kümmern können oder wollen.
Tausende Kinder leben lieber auf der Straße, als
bei ihren trinkenden und prügelnden Vätern und
Müttern oder in den verwahrlosten staatlichen
Heimen. Adoptionsbereite Ehepaare gibt es in
Russland nur wenige. Über die Hälfte aller
adoptierten russischen Kinder wachsen in den USA
oder Westeuropa auf. Ausländer lassen sich die
Erledigung aller Formalitäten durch
Vermittlungsfirmen bis zu 40.000 Dollar
kosten.
Patriotisch
gesonnenen Politikern ist die Adoption durch
Ausländer seit Langem ein Dorn im Auge. Nach einer
Reihe von Skandalen, bei denen russische
Waisenkinder im Ausland spurlos verschwanden oder,
wie in mehreren Fällen in den USA, von den
Adpotiveltern gar ermordet wurden, sind die
Auflagen an interessierte Paare zuletzt immer
schärfer geworden.
„Jedes Kind aus dem Heim
träumt davon, dass jemand kommt und es abholt“,
sagt Maxim Jegorow vom deutsch-russischen
Straßenkinderverein Phönix in Moskau, „da ist es
egal, ob bei Russen oder Ausländern landet,
Hauptsache, es wächst in einer Familie auf“. In
den russischen Heimen gehe es zu wie in einer
Kaserne. Alle Kinder hätten oft aus Geldmangel die
gleichen Sachen an. Dass ältere Heimbewohner die
jüngeren quälen, sei an der Tagesordnung. „Im Heim
werden die Kinder überhaupt nicht auf das
Erwachsenenleben vorbereitet “, so Jegorow. „Die
Statistik zeigt, dass ein großer Teil früher oder
später im Gefängnis landet.“
Der energische
57 Jahre alte Alexander Iwachnenko, ein ehemaliger
Französisch-Lehrer und Militärdolmetscher in
Algerien, hat in den vergangenen Jahren den Beweis
erbracht, dass Kinderheime auch ohne großzügige
staatliche Zuschüsse anders aussehen können als
die meisten depressiven Verwahranstalten. Er
erhielt von den Behörden Anfang der 90-er Jahren
mehrere heruntergekommene Baracken, in denen
einmal die Aufseher eines Gefängnisses gelebt
hatten.
Aus dem Waisenhaus ins
Kloster
Mit
Enthusiasmus und Liebe fürs Detail richtete er
gemeinsam mit Mitarbeitern und den Kindern, aber
praktisch ohne finanzielle Hilfe des Staates, sein
Internat ein. Seine Schützlinge legten Blumenbeete
vor den Gebäuden an, nähten Bettwäsche und
Gardinen, zimmerten Möbel. „Wer der Ansicht ist,
mit der Schulklingel endet sein Arbeitstag, der
kann hier nicht als Pädagoge arbeiten“, sagt der
Direktor knapp und zeigt zufrieden auf seine
beiden Stellvertreterinnen. Die sind offiziell im
Urlaub, kamen aber auch heute wieder zur Arbeit,
um nach dem Rechten zu sehen.
Alexander und
die anderen Lehrer bemühen sich für ihre
Schützlinge persönlich um eine Lehrstelle als
Näherin oder Schlosser, doch auch ihnen gelingt es
bei weitem nicht immer, für einen problemlosen
Einstieg ins Arbeitsleben zu sorgen. Einem Mädchen
redeten die Lehrer zu, ins örtliche Kloster zu
gehen: „Sie wäre selbstständig in dieser Welt
nicht zurecht gekommen.“
(epd)
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