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Die Helfer mit dem Suppentopf
MDZ 21-01-2002

 Veronika Wengert

Wenige Straßen vom Jaroslawler Bahnhof entfernt, stehen rund 30 Menschen auf einem umzäunten Grundstück: Alte Mütterchen und Kinder warten hier auf ihr Mittagessen. Punkt 13 Uhr rollt ein blauer Transit-Bus um die Ecke, und zwei Männer hieven schwere Metallkübel aus dem Laderaum. Maxim Jergow und sein Vater Anatolij bringen jeden Tag Essen, das von der Großkantine einer Bank gekocht wird. Heute gibt es Grießbrei aus Buchweizen und gesüßten Tee. Unterstützt werden die beiden Helfer durch Spenden, von "Action for Russian Children" (ARC) und der "Organisation for Humanitarian Aid". "Eigentlich verpflegen wir nur Kinder, aber meist kommen auch Rentner, die nichts zu essen haben", erzählt Maxim.

Der 17-jährige Ali aus Tadschikistan hilft heute zum ersten Mal und schaufelt Buchweizengrütze auf Pappteller. Vor anderthalb Jahren hat er sein Dorf verlassen, um in Moskau Arbeit zu finden. "Doch das hat nicht geklappt, nun lebe ich auf der Straße. Meine Eltern denken voller Stolz, dass ich hier arbeite", erzählt der Junge. Gerne würde er zurückkehren. "Aber ich habe keinen Pass. Damals bin ich mit der Geburtsurkunde hergekommen. Und 300 Dollar für die Fahrkarte habe ich schon gar nicht", klagt Ali. Winkend verabschiedet er sich: "Um 14 Uhr gibt es woanders umsonst Essen. Da muss ich auch noch hin", entschuldigt er sich.

Helfen kann Ali keiner. "Das Problem ist, dass es derzeit kein staatliches Abkommen zwischen Russland und den GUS-Ländern gibt. Die Polizei kann Kinder aus dem Ausland nicht festhalten", erklärt Pädagogin Valentina Petrenko, die mit sozialen Waisen arbeitet. "Wenn wir den Kindern Geld für die Heimfahrt geben, sind sie nach einem Monat wieder da. Denn dort haben sie auch keine Perspektive. Stellen Sie sich eine Familie mit zwölf Kindern vor, die alle ernährt werden müssen", klagt Petrenko. Dreißig Tage bekommen die jungen Ausreißer in einer Notunterkunft Essen und einen Schlafplatz. Dann müssen sie gehen und landen meist auf einem der Moskauer Bahnhöfe. "Früher haben wir soziale Waisen einfach ins Krankenhaus gebracht, doch heute büchsen sie meist wieder aus. Wenn wir sie Sozialarbeitern übergeben, sind die oft überfordert, da sie mit solchen Kindern überhaupt keine Erfahrung haben", so Ludmilla Tropina, die seit 27 Jahren als Polizeibeamtin arbeitet. "Ein Viertel der Kinder wendet sich auch selbst an uns, wenn sie überhaupt nicht mehr wissen, wohin." Tropina sieht die Ursachen dieser sozialen Not in der Gleichgültigkeit der Leute. "Fragt man die Nachbarn, wissen sie nichts. Es interessiert keinen mehr, was neben seiner Tür passiert", so Tropina. "In Russland gibt es vermutlich 250 000 soziale Waisen, doch es könnten auch doppelt so viele sein", schätzt Viktor Oserow, Mitglied des Föderationsrates. Maxim Jergow vermutet allein in Moskau rund 170 000 Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden. "Doch alle Zahlen sind reine Spekulation", so der Essenshelfer, der es nun auch eilig hat. Schließlich ist Dorothea Volkert in Moskau.

Die Sozialpädagogin aus der Nähe von Heidelberg ist zum Hauskauf angereist. Nach einem Artikel in einer südwestdeutschen Regionalzeitung spendeten Leser rund 30 000 Mark. Mit dem Geld soll eine Unterkunft für Straßenkinder gekauft werden. "Fernab der Bahnlinie, auf dem Land. Damit das Abhauen nicht zur Versuchung wird", schlägt Maxim vor. Dorothea pflichtet ihm bei. "Wir könnten eine kleine Datscha für 3000 Mark kaufen und umbauen, dort würden die obdachlosen Kinder mit Betreuern leben." Doch bereits der nächste Maklertermin holt die beiden Helfer in die Realität zurück. Eine halbe Million Mark würde ein Haus mit Rehabilitationszentrum kosten, so die Immobilienhändlerin. Schließlich wolle sie sicher deutsche Maßstäbe. Julia, Ljoscha und die anderen wären auch mit weniger zufrieden.
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