Im Dorf Rogatschowa kann sich niemand daran erinnern, dass ein
Kreml-Vertreter schon einmal den Weg in das verschlafene Nest gefunden
hätte, auch wenn die Kremladministration im Landkreis Dmitrow eine Datscha
und Ski-Piste für Putin unterhält.
Die Kinderrechtsbeauftragte Putins, Natalia Jakowlewa tauchte
jedenfalls am Dienstagvormittag mit ihrem schwarzen Dienst-Wolga für alle
Beteiligten überraschend in dem verschneiten Dorf auf, um sich das private
Kinderheim „Phoenix“ anzuschauen, das in den vergangenen Tagen in die
Schlagzeilen geraten war.
„Schlimm, schlimm“, konstatiert die Kinderbeauftragte anschliessend. „Aber
noch viel schlimmer ist es auf dem Bahnhof.“
Der Streit um „Phoenix“ ist deswegen ein Modellfall, weil hier private
Spender aus Deutschland russischen Privatpersonen helfen, auf eigene
Initiative obdachlose Kinder von der Straße zu holen. Das Kinderheim
leistete, was Jugendämter und Behörden in Russland oft nicht schaffen.
In der Duma wird gegenwärtig über ein NGO-Gesetz diskutiert, dass
Bürgerinitiativen, gemeinnützige Vereine und Stiftungen und deren
ausländische Sponsoren unter verschärfte Kontrolle stellen soll.
Phoenix ist ein Modellfall für die Diskussion um das NGO-Gesetz
Am vergangenen Mittwochmorgen hatten im Auftrag des Kreis-Jugendamtes
Milizionäre das Kinderheim umzingelt und 16 Kinder zum Teil mit Gewalt in
verschiedene staatliche Jugendheime und Krankenhäuser weggeschafft. Es habe
„Gefahr für Leben und Gesundheit“ der Kinder bestanden, heisst es in einem
Schreiben der Behörde, das aber nicht unterzeichnet ist.
Tatsächlich scheint eher die brachiale Räumungsaktion gesundheitsgefährdend
zu sein. Vier kleine Kinder, die im Nachthemd aus dem Jugendheim
abtransportiert wurden, liegen inzwischen im benachbarten Krankenhaus. Bei
einem der Mädchen wurde eine Lungeentzündung festgestellt. Die anderen sind
erkältet und haben Fieber – obwohl sie bei der Einlieferung vor einer Woche
noch fieberfrei waren.
Einem Jungen, der unter epileptischen Anfällen leidet, verboten die
Behördenvertreter, seine Tabletten mitzunehmen. Der Junge hat inzwischen
schon den zweiten Epilepsie-Anfall erlitten.
Jugendamt bleibt hart, Kinderheimleiter muss zur Staatsanwaltschaft
Kreis-Jugendamtleiterin Jelena Morosowa bleibt trotzdem hart. Das Heim habe
wegen Platzmangel geräumt werden müssen, erklärt sie in einem TV-Interview.
Öffentliche Unterstützung erfahren aber nicht die Behörden, sondern die
Straßenkinder. Der Straßenkinderverein „Phoenix“ will notfalls auch vor
Gericht gehen, um die Räumung rückgängig zu machen. Zuerst wurde allerdings
Kinderheimleiter Maxim Jegorow zur Zeugenaussage zur Staatsanwaltschaft in
die Kreisstadt geladen.
Inzwischen setzen sich auch Nachbarn, Lehrer und Ärzte für „ihre“ Kinder
ein. Mit einer Unterschriftensammlung fordern die Dörfler von ihrer
Kreisverwaltung, die Kinder wieder zurückzubringen.
Bürgersinn und aufrechter Gang in der russischen Provinz
Und obwohl die Kreisverwaltung den Lehrern der Dorfschule bei Strafe der
Entlassung verboten hatte, sich in den „Fall Phoenix“ einzumischen, machten
sich am Dienstagmorgen die Klassenlehrerin, die Schuldirektorin und der
Leiter der Dorfverwaltung mit Keksen und Pralinen bewaffnet gemeinsam auf
den Weg in die Kreisstadt, um „ihre“ Kinder zu besuchen.
Die Auseinandersetzung im Dorf Rogatschowa ist ein Beispiel dafür, dass auch
in der russischen Provinz und auf dem Lande viel an Bürgersinn und
aufrechtem Gang erhalten ist. Manchmal eben auch mit Rückendeckung der
„großen“ Öffentlichkeit und des Kreml.
(gim/.rufo)
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