Bett statt Bahnhofsboden
Moskauer Waisenkinder bekommen neues
Zuhause
MDZ 19-04-2002
Andrej Stepanow
Der
zehnjährige Maxim weiß nicht, wo seine Familie ist. Vor zwei Jahren
brachte ihn seine Mutter zu einem großen Moskauer Bahnhof. „Mutti,
lass mich nicht allein“, schrie der Junge, „willst du denn, dass ich
sterbe?“ Doch die betrunkene Frau wollte nichts hören, und zehn
Minuten später ist sie für immer verschwunden. Seit dieser Zeit lebt
Maxim wie viele andere Kinder auf der Straße. Sein Bett ist der
kalte Bahnhofsfußboden, seine Decke ist ein schmutziger schwarzer
Mantel, der Maxim zwei Nummern zu groß ist.
Der Junge teilt sein
Schicksal mit Mischa aus Moldawien, Wolodja aus dem Gebiet Tula und
Sascha aus dem Moskauer Umland. Die meisten dieser Straßenkinder
gehen nicht zur Schule, rauchen und schnüffeln Klebstoffdämpfe. „Als
ich das erste Mal obdachlose Kinder in Moskau gesehen habe, war ich
erschrocken“, erinnert sich Dorothea Volkert, Vizevorsitzende der
Gesellschaft „Deutschland-Russland“ im südwestdeutschen Waibstadt.
Im vorigen Jahr hatte die studierte Sozialpädagogin die Idee,
gemeinsam mit Gleichgesinnten des russischen Wohltätigkeitszentrums
Geld für ein kleines Haus auf dem Land zu sammeln. Dort sollten die
Kinder fernab der Großstadt ein ruhiges Leben führen. Ein halbes
Jahr sammelte Volkert Geld bei Bekannten und Sponsoren und ist nun
wieder nach Moskau gekommen, um ein Heim für die Kinder zu kaufen.
Im Dorf Rogatschjowo, 70 Kilometer von Moskau, wurde sie fündig und
setzte sich mit der örtlichen Behörde und der dortigen Schule in
Verbindung, um die Formalitäten zu klären. Wochenlang wurde das
Holzhaus renoviert, eine moderne Heizung wurde installiert, und vor
kurzem sind die ersten zehn Straßenkinder eingezogen. Zwei Pädagogen
betreuen nun den Nachwuchs, helfen ihm beim Lernen, bei der Aufzucht
der Hühner und beim Bestellen des Gemüsegartens, der immerhin 1700
Quadratmeter misst. Die Kinder sollen hier auch auf den Unterricht
vorbereitet werden, um später eine normale Schule besuchen zu
können.
Dorothea Volkert hatte im vorigen Jahr dreieinhalb
Monate ein Praktikum in einem Moskauer Rehabilitationszentrum
absolviert und dort Kontakte zur britischen Frauenorganisation „Arc“
geknüpft. Die Mitarbeiterinnen haben ihr schließlich verschiedene
Projekte vorgestellt, unter anderem war bereits damals das Haus in
Rogatschjowo im Gespräch. „Zuerst war ich etwas enttäuscht. Ich
hatte eine deutsche Vorstellung davon und gedacht, es müsse ein
großes Haus sein, wo es viel Platz für Kinder und Erwachsene gäbe“,
erzählt Volkert. Doch ihr russischer Kooperationspartner Maxim
Jegorjew hat sie eines besseren belehrt. „Er sagte, die Kinder
sollten wie die anderen Dorfbewohner leben, die ja auch wenig Platz
haben“, fährt sie fort. Die Helfer planen nun, auch in anderen
Dörfern Häuser zu kaufen, doch Rogatschjowo ist das Pilotprojekt.
„Es ist wichtig, dass die Kinder rechtzeitig von der Straße
wegkommen, damit sie in ein normales Leben integriert werden
können“, sagt die Sozialpädagogin. „Für die Älteren, von denen
einige bereits alkohol- oder drogenabhängig sind, wird es sehr
schwer sein, unsere strengen Hausregeln zu befolgen. Doch wer gegen
die Vorschriften verstößt, darf nicht mehr im Haus leben, so hart
das auch klingen mag“, erklärt Volkert. Sie glaubt, dass es große
Probleme geben könnte, da die Mädchen und Jungen auf engem Raum
leben müssen und jedes Kind seine eigene Lebensgeschichte hat.
„Deswegen ist es sehr wichtig, dass von Anfang an Experten
mitarbeiten. Das sind Sozialpädagogen, die die Problematik kennen
und sich entsprechend um die Kinder kümmern“, sagt die Helferin.