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Phoenix mit verbrannten Flügeln
Minderjähriger von Kinderheim entführt
MDZ 12-04-2005

Marie Strohe

Sascha hat einiges hinter sich. Mehr als zwei Wochen wurde er gegen seinen Willen in einem staatlichen Kinderheim festgehalten. Dabei wohnt der fast volljährige Junge schon seit drei Jahren nicht mehr dort, sondern bei seiner „Familie“. Die besteht aus drei Müttern, drei Schwestern und acht Brüdern, die in einem Haus in Rogatschowo wohnen, nicht weit von Moskau. Maxim Jegorow, der dieses Haus mit Hilfe des deutsch-russischen Projekts Phoenix aufgebaut hat, wird von den älteren Kindern als großer Bruder und von den ganz kleinen als Vater betrachtet.

Als Sascha letztes Jahr zum ersten Mal entführt wurde, hat Maxim sich mitten auf der Landstraße, die von Rogatschowo in Richtung Moskau führt, mit seinem Auto quergestellt, um den Krankenwagen aufzuhalten, in dem der Junge saß. Drei Mitarbeiter des staatlichen Kinderheims hatten Sascha einfach aus dem Schulunterricht geholt. Da aber sogar die Polizei der Meinung war, dass ein 17-jähriger Junge selbst entscheiden kann, bei wem er wohnen möchte, konnte Maxim gemeinsam mit Sascha nach Rogatschowo zurückkehren.

Vor drei Jahren war Sascha bei einer seiner häufigen Ausreißtouren aus dem Kinderheim zufällig nach Rogatschowo geraten, hatte dort zwei seiner jetzigen Brüder kennen gelernt und durfte bleiben. Auch das staatliche Kinderheim hatte nichts dagegen. Drei Jahre lang bekam der Direktor des Heims regelmäßig alle nötigen Berichte über Saschas Gesundheit und Schulbesuch und war zufrieden.
Kurz vor Saschas Volljährigkeit interessiert sich das Kinderheim plötzlich wieder für ihn und das hat seine Gründe. „Sascha hat von seiner Mutter eine Zwei-Zimmer-Wohnung ganz in der Nähe des Kinderheims geerbt. Wenn er 18 wird, kann er über diese Wohnung verfügen“, erklärt Dorothea Volkert von der deutsch-russischen Gesellschaft Kraichgau, die das Projekt finanziert.

Das Kinderheim hat Sascha schon zweimal in eine psychiatrische Anstalt einweisen lassen. Wenn sie ihn jetzt wieder dort hinschicken, könnte er leicht für unzurechnungsfähig erklärt werden. In diesem Fall würde die Wohnung an das Kinderheim gehen. Phoenix hat jedoch unabhängige medizinische Gutachten, die den Jungen als psychisch vollkommen gesund einstufen. Auf die Frage einer Journalistin des „Moskowskij Komsomolez“, ob er Sascha für psychisch krank hält, redet der Direktor des Kinderheims etwas vage über „Streunertum“.

Nach dem glücklichen Ende des ersten Entführungsversuchs im Dezember wurde zwischen den Streitparteien vereinbart, dass das Kinderheim die Vormundschaft an Maxims Mutter abtritt, die in Rogatschowo die Rolle der Großmutter spielt. Am Mitte Februar waren die nötigen Dokumente fertig und das Kinderheim wurde benachrichtigt. Einen Tag später geschieht das Drama. Diesmal kommen sie zu zehnt, um Sascha abzuholen, sieben starke Männer und drei Frauen, und Maxim ist nicht erreichbar. Saschas Pflegemutter, die von Lehrerinnen informiert wurde, redet auf den Heimdirektor ein und erreicht nur,
dass sie unflätig beschimpft wird.

Im Kinderheim muss Sascha sein Handy abgeben und darf keinen Besuch empfangen. „Wir haben ihm ein Handy durchs offene Fenster in den ersten Stock geworfen“, erzählt Maxim, „das wurde ihm nicht mehr abgenommen. Die Presse hatte sich inzwischen eingeschaltet und da sind sie offenbar vorsichtiger geworden. So konnten wir wenigstens mit Sascha reden.“ Der „Moskowskij Komsomolez“ hatte in einem Artikel über die Entführung geschrieben, dass Sascha entgegen den Versicherungen der Heimleitung nicht vom Festnetz aus telefonieren dürfe.

Über drei Wochen muss Sascha in dem Kinderheim bleiben, aus dem er früher immer wieder fortgelaufen ist. Erst Mitte März gelingt es Maxim, Sascha zurück nach Rogatschowo zu bringen. Aber der große Triumph kommt noch etwas später: Ende März ist die Vormundschaft endgültig an Maxims Mutter übergegangen. Jetzt muss Sascha sich noch um seine Wohnung kümmern. Das Kinderheim hat schon lange keine Strom- und Wasserrechnungen mehr bezahlt, obwohl es vom Staat dafür Geld bekommt. Wenn Sascha nicht auf den Schulden von umgerechnet etwa 3 600 Euro sitzen bleiben will, muss er den Heimdirektor verklagen.
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